Zur Debatte nach der Silvester-Nacht in Köln

Wann wird Sexismus zum Skandal?

Text als pdf (Stand April 2016)

Keine Frage: Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln zeichnen sich durch ein extremes Maß an kollektiver Gewalt gegen Frauen aus. Dabei ist bemerkenswert, dass die Vorfälle eine derartige mediale Aufmerksamkeit hervorgerufen und etliche politische Konsequenzen nach sich gezogen haben – ein Polizeibeamter verliert seinen Job, eine Kanzlerin und ihre Politik geraten verstärkt in Bedrängnis. Schließlich wurden sexuelle Übergriffe, wie sie z.B. auf dem Oktoberfest massenhaft geschehen oder in der vor kurzem veröffentlichen Europa-Studie zu sexueller Gewalt gegen Frauen1 dokumentiert wurden, bisher ohne große Skandalisierung zur Kenntnis genommen. Darf mensch sich also über einen deutschlandweiten Gesinnungswechsel in Sachen Sexismus freuen?

Die Frage ist leicht zu beantworten, guckt man sich Inhalt und Verlauf der öffentlichen Auseinandersetzung an: Von vorn herein interessiert an den Übergriffen relativ wenig, wie es den Betroffenen damit ergangen ist, genauso wenig findet eine fundierte Auseinandersetzung und Kritik der (verschiedensten) männlichen Vorstellungen von Frauen als ‚Verfügungsobjekt‘, wie sie in Deutschland und anderswo vorkommen, statt. Die Debatte dreht sich stattdessen vorwiegend um die angebliche Herkunft der Täter. Noch vor jeder tatsächlichen polizeilichen Festnahme stand fest, dass es sich bei diesen vor allem um Ausländer, Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund – also auf jeden Fall nicht um ‚urdeutsche‘ Männer – gehandelt haben muss. Mit dem Verweis auf die Herkunft soll dann auch schon der ganze Sexismus erklärt sein.

Wir und die anderen…

Statt sich nämlich wirklich mit Sexismus auseinanderzusetzen, wird viel dafür getan, „DIE und ihre rückständige Kultur“ als absolutes Gegenstück zum großen WIR der aufgeklärten Menschenfreunde und Frauenbeschützer zu konstruieren. Da reicht es, dass sich unter den Tätern Menschen aus Irak, Nordafrika und Afghanistan befinden, um das Bild eines homogenen „barbarischen und frauenfeindlichen fremden Kulturkreises“ hervor- bzw. abzurufen. Widersprüche wie die Bestimmung der Täter als „stark alkoholisiert“ und zugleich „extrem religiös“ werden dabei geflissentlich übersehen.

Vorstellungen über das große Wir…

„Wir als aufgeklärte Bürger_innen“

Stimmt, ein_e aufgeklärte_r Bürger_in hat gelernt, dass im modernen Kapitalismus auch Frauen ein eigener Wille und (sexuelles) Selbstbestimmungsrecht zugestanden wird (herzlichen Dank!). Das bedeutet nicht, dass Frauen hierzulande nicht weiterhin als Vergnügungsobjekte männlichem Zugriffs gelten und ihnen genau das als ihr Wille angedichtet wird, z. B. so: „Frauen wollen doch erobert werden!“ Und wo der Wille sich nicht freiwillig in diese Rolle begibt, wird er sich zuhauf mit Gewalt gefügig gemacht (nachzulesen unter anderem in der Studie in Fußnote 1).

„Deutschland als harmonische Familie, die selbstlos Menschen in Not ein neues Heim bietet“

Ein unvoreingenommener Blick erkennt, dass es sich bei dieser Familie um eine nationale Konkurrenzgesellschaft handelt, in der sich die Individuen in der Konkurrenz um Arbeitsplätze, gute Noten in der Schule oder erschwingliche Mietwohnungen gegeneinander bewähren dürfen (also müssen). Menschen ohne deutschen Pass sind davon zunächst prinzipiell ausgeschlossen und Zutritt wird ihnen nur dann gewährt, wenn irgendein ökonomischer oder politischer Nutzen für Deutschland zu erwarten ist. So ist auch Merkels großzügige Geste in puncto Flüchtlingsaufnahme und ihr „Wir schaffen das“ nicht einer humanitären Seele zu verdanken, sondern unter anderem außenpolitischen Interessen geschuldet (wie zum Beispiel im Nahen Osten Einfluss zu nehmen oder in der EU den Ton bei der ‚Flüchtlingsbewältigung‘ anzugeben).2

…und das generelle Problem mit „denen“

Den meisten Bürger_innen wird durch die Vorfälle ihr ohnehin schon vorhandenes Urteil bestätigt, dass es ein Problem mit „den Ausländern“ überhaupt und aktuell mit den vielen Geflüchteten gebe: Sie seien nicht genügend integrationsfähig bzw. -willig oder generell einfach zu viele. Diesbezüglich wird – vor allem nach Köln – verstärkt an Politik und Rechtsstaat appelliert, „endlich zu handeln“. Sogenannte Lösungsansätze reichen von der Anpassung an deutsche Werte und besserer Integration in den Arbeitsmarkt bis hin zu schnellerer Abschiebung, vermehrter Polizeipräsenz und dem Einfordern einer Obergrenze. Wer sich von der Politik komplett enttäuscht fühlt, macht auch schon mal den Übergang zu Selbstjustiz und Bürgerwehr.

Als natürlichste Sache der Welt wird dabei angenommen und affirmiert, dass Menschen qua staatlicher Gewalt in In- und Ausländer sortiert werden, also in welche, die „von Natur aus“ dazugehören und andere, denen das Dabeisein im besten Fall als Gastrecht und Bewährungsprobe zuteil wird. So ist es kein Wunder, dass sich bei jedem Verstoß gegen die „deutsche Ordnung“sofort die Frage stellt: „Haben DIE es eigentlich verdient, hier sein zu dürfen?“ Vor allem, wenn jetzt auch noch „unsere“ Frauen angegriffen werden. Umgekehrt wird bei übergriffigen Deutschen weder ein Schluss auf ihr Deutschsein gezogen noch Maßnahmen für deren Ausweisung in Betracht gezogen. Sowieso werden entsprechende Vorfälle wenn überhaupt, dann als Ausnahme bzw. bedauerliche Fehltritte Unbelehrbarer abgetan.

Ganz offensichtlich wird es, wenn jetzt deutsche Männer in Form selbsternannter Schutztrupps durch die Gegend laufen, um ihre Frauen zu beschützen. Besser könnten sie nicht zeigen, dass sie mit Frauen als Verfügungsobjekt bzw. deren Fremdbestimmung überhaupt kein Problem haben, also selbst zutiefst sexistisch sind – es dürfen halt nur nicht die Falschen verfügen.

Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt

Wer sich ernsthaft mit sexuellen Übergriffen auseinandersetzen will, insbesondere in einem solchen Ausmaß, wie es in Köln geschehen ist, müsste dies anhand der sexistischen Vorstellungen und Rechtfertigungen der Täter tun und diese Vorstellungen anschließend kritisieren. Der gesellschaftliche, religiöse, gesetzliche (…u.a.) Kontext, in dem eine Person aufgewachsen ist, spielt dabei insofern eine Rolle, als dadurch bestimmte Frauenbilder und Geschlechtervorstellungen nahegelegt werden und als Normalität erscheinen, mit der sich eine Person unmittelbar auseinandersetzen muss. So legt sexualisierte Werbung in einem westlichen Industrieland ein bestimmtes Frauenbild nahe, genauso wie das Verbot für Frauen, Fahrrad zu fahren, ein anderes sexistisches Bild prägt. Das bedeutet jedoch nicht, dass dies von jeder Person für gut und richtig befunden wird oder werden muss oder sie zu einem bestimmten Verhalten, z.B. Übergriffen, prädestiniert. Nur weil ich ständig sehe, dass Frauen objektiviert oder gegen ihren Willen angefasst werden, heißt das (zum Glück) nicht notwendigerweise, dass ich das richtig finde oder mich selbst so verhalte – dafür sind dann schon eigene Gedanken und Übergänge notwendig.3

Fazit

Eine entsprechende Auseinandersetzung mit Sexismus hat es in der öffentlich-bürgerlichen Debatte nach Köln nicht gegeben – weil es darum auch nie ging. Stattdessen wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen instrumentalisiert, einerseits, um noch härter gegen Flüchtlinge vorzugehen, andererseits, um sich in seinem Bild als aufgeklärte Gesellschaft zu feiern.

3Sich mit den Tätern von sexualisierter Gewalt und deren Einstellungenauseinanderzusetzen und sich ihre Vorstellungen und Motive zu erklären, soll diese weder entschuldigen noch ihr Verhalten rechtfertigen – sondern im Gegenteil, dazu dienen, dieses Verhalten kritisieren und entsprechend bekämpfen zu können.

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