Zur Theorie der Wertabspaltung

Text als pdf  (Stand Dezember 2015)

Einige kritische Anmerkungen zur Wertabspaltungs-Theorie

Der folgende Text befasst sich mit der Wertabspaltungs-Theorie von Roswitha Scholz.1 Zunächst werden wir einen kurzen Einblick in ihre Theorie geben und uns anschließend einigen ihrer Thesen genauer widmen. Diese werden wir – insofern es uns nötig erscheint – kritisieren bzw. ergänzen.2

Der Ausgangspunkt von Scholz‘ Theorie ist ihre Unzufriedenheit über bisherige Auseinandersetzungen mit dem Geschlechterverhältnis innerhalb marxistisch-feministischer Kreise. Sie kritisiert, dass viele marxistische Theoretiker_innen das Geschlechterverhältnis lediglich als ‚Nebenschauplatz‘ des Kapitalverhältnisses verstehen3 und beide Verhältnisse nicht zusammen denken. So schreibt Roswitha Scholz gleich zu Beginn ihrer Thesen:

In der bisherigen marxo-feministischen Debatte blieb das Verhältnis von Wertform der Ware und Geschlechterverhältnis auf der theoretischen Meta-Ebene stets unterbelichtet. ‚Der Wert‘ wurde als eine geschlechtsneutrale Kategorie und die geschlechtliche Hierarchie bloß als sekundäres oder paralleles Verhältnis verstanden.“ (Scholz, Wert und Geschlechterverhältnis).“

Aus diesem Schattendasein möchte Scholz das Geschlechterverhältnis befreien und plädiert dafür, „[…]Wert und Geschlechterverhältnis auf derselben Abstraktionsebene als ein dialektisch vermitteltes Gesamtverhältnis zu begreifen.“ Diesbezüglich formuliert sie ein neues oberstes, die Gesellschaft bestimmende Prinzip: die Wertabspaltung. Wert und Geschlechterverhältnis sollen in diesem nicht nur als gleichberechtigt bedeutsam nebeneinander stehen, sondern beide Verhältnisse als ein gesellschaftliches „Gesamtverhältnis“ verstanden werden, als zwei Seiten derselben Medaille.

In ihrer Theorie rechnet Scholz der ökonomischen Zweiteilung Gebrauchswert und Wert andere für sie dialektisch vermittelte Dichotomien (zwei sich gegenüberstehende Sachen, die ein Ganzes ergeben und sich gegenseitig bedingen) zu, die sich auf das Verhältnis „Mann“ und „Frau“ beziehen. Dazu gehören Reproduktionssphäre und Produktionssphäre; „weibliche“ und „männliche“ Attribute und das Private und Öffentliche. Aus Scholz‘ Darstellungen geht allerdings weder hervor, was der Inhalt der Sphären und Attribute ist, noch, wie diese zueinander im Verhältnis stehen. In diesem Text wollen wir u.a. diese Leerstellen füllen und zeigen, dass es für ein Verständnis des Geschlechterverhältnisses nicht ausreicht, dialektische vermittelte Dichotomien festzustellen.

1. Wert-Abspaltung: Was ist das?

Mit dem Begriff „Wert-Abspaltung“ ist „[…] im Kern gemeint, dass bestimmte Reproduktionstätigkeiten, aber auch damit verbundene Gefühle, Eigenschaften, Haltungen […] vom Wertverhältnis, dem System der abstrakten Arbeit abgespalten und zum ‚weiblichen Lebenszusammenhang’ gemacht werden.“

Weitergehend differenziert Scholz in Bezug auf die Wertabspaltung folgende drei Ebenen:

1. Die ökonomische/materielle Ebene: Der Wert spaltet die reproduktiven Arbeiten von sich ab. Zur warenproduzierenden Gesellschaft gehört somit eine radikale Trennung zwischen der produktiven, wertschaffenden Arbeit und der Reproduktion/Hausarbeit. Dem Mann ist die Sphäre der Produktion, der Frau die Sphäre der Reproduktion zugewiesen. Die Öffentlichkeit (=Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) ist dem Mann zugewiesen, das Private der Frau.

2. Die sozialpsychologische Ebene: Zur ökonomischen Ebene und den Anforderungen in den unterschiedlichen Spähren passend, existieren bestimmte Vorstellungen über die Geschlechter. Frauen werden Attribute wie Emotionalität, Sinnlichkeit und Schwäche zugeschrieben, Männern Durchsetzungsfähigkeit, Härte und Rationalität. Frauen und alle weiblichen Attribute werden von der Männerwelt abgespalten und die Geschlechter als zwei gegensätzliche Pole ‚hergestellt‘. Die sozial-psychologische Ebene bezeichnet dabei die individuelle psychologische Verarbeitung und Verinnerlichung der geschlechtsspezifischen Zuschreibungen und die Interaktion zwischen den Subjekten bzw. ihr Bezug aufeinander(Vergeschlechtlichung der Subjekte).

3. Die kulturell-symbolische Ebene: Sämtliche Tätigkeiten, Eigenschaften und Dinge in der warenproduzierenden Gesellschaft, sowie Kulturprodukte, Sprache, Zeichen, Werte, Sexualität etc. werden geschlechtsspezifisch belegt. So steht bspw. Konkurrenz, Krieg, triebgesteuerte Sexualität, Ruhm etc. für Männlichkeit; Natur, Friedfertigkeit, Sexobjekt sein etc. für Weiblichlichkeit.

Für alle drei Ebenen gilt:

  1. Es findet eine Abspaltung des ‚Weiblichen‘ vom ‚Männlichen‘ statt.

  2. Die jeweiligen Bereiche, Zuschreibungen etc. stehen sich in Folge als gegensätzliche und sich ergänzende gegenüber.

  3. Das ‚Weibliche‘ erfährt auf allen Ebenen eine klare Minderbewertung gegenüber dem Männlichen, womit ein hierarchisches Verhältnis zwischen den Geschlechtern installiert ist.

2. Die kapitalistische Welt als Einheit von geschlechtsspezifischen Gegensätzen

Im Folgenden wollen wir die Frage diskutieren, ob die angeführte Gegenüberstellung von geschlechtsspezifischen Gegensatzpaaren in dieser radikalen Form existiert. Dabei stellen wir die Thesen auf, dass erstens die reine Gegenüberstellung nicht funktioniert. Zweitens, dass dabei Roswitha Scholz die Bereiche/Eigenschaften etc. analytisch nicht korrekt fasst. Und drittens, dass sie ihr Konzept der Wertabspaltung nicht begründet, sondern es vielmehr als Prämisse voraussetzt. Wegen ihres Blicks durch diese ‚Wert-Abspaltungs-Brille‘ bestimmt sie einiges falsch bzw. gar nicht. An den Stellen, an denen letzteres unseres Erachtens der Fall ist, nehmen wir die von Scholz angeführten Überlegungen zum Anlass, fehlende Erklärungen und Kritik nachzuholen.

2.1 Reproduktion und Produktion

Nach Scholz ist die warenproduzierende Gesellschaft in zwei Sphären aufgeteilt: Produktion von Waren für den Markt auf der einen Seite, Reproduktionsarbeiten auf der anderen Seite. ‚Männern‘ wird die Sphäre der Produktion als ihr Tätigkeitsbereich zugewiesen, ‚Frauen‘ die der Reproduktion. Soweit so nachvollziehbar.4 Sie begründet diese Zuweisung damit, dass bestimmte Eigenschaften und Bedürfnisse in der Produktionssphäre keinen Platz haben und deswegen in die Reproduktionssphäre verlagert werden müssten. Die Gegenüberstellung der Sphären verdeutlicht sie anhand der Theorie der unterschiedlichen Zeitlogiken.

Logik: Zeitsparen – Zeitausgeben?

In dieser Theorie werden zwei Zeitlogiken, die in den jeweiligen Sphären herrschten, einander gegenübergestellt. Dem folgend bebildert Scholz den Unterschied der beiden Spähren damit, dass in der Produktion eine Zeitsparlogik (=Männlich=Rationalität) gelte, in der Reproduktion eine Zeitverausgabungslogik (=Weiblich=Emotionalität):

In diesem Zusammenhang übernehme ich von F. Haug die Erkenntnis, daß es im Kapitalismus einerseits eine abstrakte „Zeitsparlogik“ gibt, die prinzipiell der Produktionssphäre (der betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik entsprechend) zuzuordnen ist, und andererseits eine Logik der „Zeitverausgabung“, die dem „weiblichen“ Reproduktionsbereich entspricht.“

Der Zweck der Produktion ist es, unter Einsatz von Produktionsmitteln und Arbeit, aus Geld mehr Geld zu machen. Die Zeitsparlogik aus Perspektive des_der Arbeitgeber_in existiert lediglich insofern, dass bei der Produktion in Bezug auf das einzelne Stück gespart werden soll. Ein Stück soll so schnell und somit so kostensparend wie möglich hergestellt werden,5 damit es sich als Ware in der Konkurrenz bewähren kann. Gleichzeitig jedoch gilt aber, dass – falls die unternehmerische Kalkulation davon ausgeht, es handele sich um rentable Arbeit – von dieser Arbeit so viel wie möglich verausgabt werden soll. Das heißt, zwar soll von den Arbeiter_innen so schnell wie möglich pro Stück gearbeitet werden, aber insgesamt sollen sie so lange wie möglich arbeiten. (Das zeigt sich beispielsweise an den zahlreich verordneten Überstunden.) Also existiert hier nicht nur eine Zeitsparlogik, sondern ebenso eine Zeitverausgabungslogik.

Der Zweck der Reproduktion besteht darin, die Arbeitskraft für den nächsten Arbeitseinsatz fit zu machen und die Arbeiterklasse generell zu reproduzieren, sprich, Kinder in die Welt zu setzen und groß zu ziehen. In Bezug auf die Arbeiten in dieser Sphäre existiert als Anspruch, dass hier möglichst viel emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit für ‚pflegebedürftige‘ Subjekte (Ehemann, Kinder, Alte) aufgebracht werden soll. Diese eingeforderte Zuwendung ist tatsächlich zeitlich maßlos. Noch mehr: Der Anspruch ‚Zuneigung‘ scheint sich gerade einer zeitlichen Bestimmung zu entziehen: Zeit soll eben keine Rolle spielen. Eine objektive Grenze für ein ‚genug‘ kann also nicht gezogen werden wie bspw. bei der Herstellung eines Schuhs (der ist irgendwann mal fertig, ein Kind eigentlich nie). Bei dieser „Zeitverausgabung“ handelt es sich jedoch nur um ein Ideal, einen idealisierten Anspruch.

In der Realität sieht es nämlich ganz schön anders aus. Hier ist – entgegen einer Zeitverausgabungslogik – ein rigoroses Zeitmanagement erforderlich, damit neben Spaghetti kochen, Wäsche waschen, Bad putzen, Einkaufen gehen, Hausaufgaben kontrollieren etc. tatsächlich noch ein bisschen Zeit für emotionale Zuwendung bleibt. Dieses Zeitmanagement, womit sich heutzutage sämtliche Ratgeber/Zeitschriften befassen, ist verstärkt notwendig, da in den allermeisten Fällen nicht mehr ein Einkommen für die Familie ausreicht. Dieser Doppelbelastung sind allzu meist sogenannte Frauen ausgesetzt, da ihnen nach wie vor die reproduktiven Aufgaben zugewiesen werden und sie sich derer annehmen.

In Bezug auf die Reproduktionssphäre – im Gegensatz zur Produktionssphäre – gibt es demnach ein klares Auseinanderfallen von Anspruch (ganz viel Zeit) und Wirklichkeit (ganz viel Zeitmanagement). Dies liegt unseres Erachtens daran, dass es sich bei der Reproduktionssphäre um einen idealisierten Bereich handelt. Dem Ideal nach soll es in diesem um ein Mit- und Füreinander gehen. Jedoch sind die reproduktiven Arbeiten denen der Produktionssphäre untergeordnet. Damit meinen wir, dass die dafür vorhandene Zeit und was man in dieser so alles anfangen kann, von den diktierten Arbeitszeiten und den erworbenen Löhnen abhängt – welche normalerweise nicht sehr üppig ausfallen. Zuzüglich ist die „Zeit mit den Liebsten“ geprägt von der Arbeitsbelastung. Das heißt, die vorhandene Energie hängt sowohl vom erlittenen Stress auf der Arbeit als auch während der Hausarbeit ab. So bleibt das Ideal meistens mangels Zeit, Geld, Energie und Nerven auf der Strecke. Es setzt die mit diesem Ideal bzw. Anspruch konfrontierten Menschen zumeist nur einer noch höheren Belastung aus – insofern häufig die Vereinbarkeit von Job und Familie als eine Frage des individuellen Gelingens verhandelt wird.

Zwischenfazit: Die Theorie der unterschiedlichen Zeitlogiken vernachlässigt, für welche Zwecke und unter welchen Bedingungen Menschen in den zwei Sphären arbeiten. Auch zweifeln wir an, dass die von Scholz behaupteten gegensätzlichen Zeitlogiken in beiden Sphären gelten und somit als Beleg für die Dichotomie gelten können. Zudem ist es uns wichtig zu betonen, dass die Reproduktions- der Produktionssphäre nicht bloß einfach gegenübergestellt werden kann, sondern sich in materieller Abhängigkeit von ihr befindet und die reproduktive Arbeit der Lohnarbeit und ihren Anforderungen untergeordnet ist. Die prekäre Situation der Reproduktionssphäre liegt genau an diesen Anforderungen, welche an sie in einer kapitalistischen Gesellschaft gestellt werden. Die Erklärung geht somit nicht darin auf, nur zu benennen dass alles dem weiblichen Lebenszusammenhang Zugeordnete abgewertet ist, sondern warum dies so ist.

2.2. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen: Durchsetzungsfähigkeit & Härte versus Schwäche & Emotionalität

Die Theorie der Wertabspaltung besagt weiterhin, dass sich die Geschlechter auf der Zuschreibungsebene, bezogen auf ihr Wesen, als konträr gegenüber stehen. Der Mann gilt als hart, durchsetzungsfähig, rational; die Frau als schwach, emotional, leidenschaftlich, irrational etc. Sie führt diesen Aspekt nicht näher aus, deswegen wollen wir an dieser Stelle einige Ergänzungen vornehmen.

Die Eigenschaften, welche den Geschlechtern klassisch wesensmäßig zugeschrieben werden, gehen nämlich nicht darin auf, lediglich abstrakte Zuschreibungen zu sein. Vielmehr verbergen sie ganz bestimmte Ansprüche an die Menschen. So wird dem „Mann“ abverlangt, sich in der Konkurrenz zu bewähren. Dafür muss er sich Härte und Durchsetzungsfähigkeit an- und jegliches Schwäche-Zeigen abtrainieren.6 Er muss sich erstens sein Leben lang – gegen andere – bewähren (Schule, Ausbildung, Uni). Hat er einen Arbeitsplatz ergattert, hört die Konkurrenz – gegen alle, die ihm potentiell seinen Arbeitsplatz streitig machen könnten – nicht auf. Während der Arbeit hat er seine Privatinteressen zurückstellen, kann nicht essen und aufs Klo wann er will, muss sich gedanklich auf den Produktionsprozess konzentrieren und darf diesen nicht durch Schwächeanfälle oder geistige Abwesenheit aufgrund von privaten Problemen o.ä. stören. Er soll im Arbeitsprozess funktionieren, diesen aushalten und dabei möglichst viel leisten. Härte ist also vom „Mann“ abverlangt in Bezug auf einen bestimmten Anspruch an ihn. Die „Frau“ hingegen hat sich um das familiäre Füreinander zu kümmern und muss dafür Empathie und Emotionalität an sich ausbilden. Dabei geht es nicht darum, dass sie selbst ihre Gefühle auslebt, sondern, dass sie sensibel auf die Gefühlsregungen anderer Menschen reagiert und damit entsprechend umgeht.

Deshalb ist auch die Gegenüberstellung – der Mann muss Leidenschaft an sich wegtrainieren, die Frau soll leidenschaftlich sein – sehr ungenau. Die „Frau“ soll zwar leidenschaftlich sein, aber eben nicht insofern sie leidenschaftlich ihren eigenen Interessen nachgeht, sondern um leidenschaftlich den Erwartungen von Mann und Kindern zu entsprechen. Der „Mann“ umgekehrt soll zwar Durchsetzungsfähigkeit in der Konkurrenz beweisen, auf der Arbeit selbst soll er dann aber die Klappe halten und sich unterordnen. Es kommt eben immer darauf an, was einem gerade abverlangt wird: Somit haben nicht nur alle der „Frau“ zugeschriebenen Charaktereigenschaften bei der Lohnarbeit nichts zu suchen7, sondern sowieso nur diejenigen, die für den jeweiligen Arbeitsprozess nützlich sind. Diesbezüglich können bestimmte – eigentlich Männlichkeit beweisende – Verhaltensweisen am Arbeitsplatz sogar hinderlich sein: Gewalt gegen Kollegen, Wettsaufen etc.

Wir wollen also sagen, dass es für eine Analyse und Kritik geschlechtsspezifischer Attribute nicht ausreicht, nur deren Gegenüberstellung zu betonen: Welchen Inhalt haben sie und welchen Ansprüchen verdanken sie sich möglicherweise? Für beide „Geschlechtscharaktere“ gilt, dass sie sich so herzurichten zu haben, dass sie anderen Interessen dienlich sein können. Im klassischen Sinne der „Mann“ als Arbeiter dem „Unternehmer“, [der Unternehmer, wenn er Unternehmer bleiben möchte, den Gesetzen der Wertvermehrung], die „Frau“ dem „Mann“ und den Kindern. Beide müssen sich in ihrem Tätigkeitsfeld (Lohnarbeiter, Reproduktionsgehilfin) adäquate Einstellungen und Charaktereigenschaften aneignen und sich als Person mit eigenen Interessen negieren. Für welchen Zweck sie das jeweils machen (der Wertvermehrung/der Reproduktion dienen) ist die Grundlage für ein entsprechendes Geschlechterverhältnis8, bzw. dafür, dass die „Frau“ ganz in Dienstbarkeit aufzugehen hat und dem „Mann“ noch außerhalb seiner Arbeit ein wenig Kompensation winkt.

2.3. Das Private und Öffentliche

Eine weitere geschlechtsspezifische Gegenüberstellung nimmt Scholz bei ihrer Trennung von Privat und Öffentlichkeit vor: Das Private ist der Frau, das Öffentliche (=Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) dem Mann zugeschrieben. Sie definiert das Private als die Familie und alles was über die eigenen vier Wände hinausreicht, als die öffentliche Sphäre. Diese Aufteilung ist insofern nachvollziehbar, da ‚öffentlich‘ sich somit auf die Möglichkeit zur Teilhabe an einer sozialer Umwelt bezieht, die über die Familie hinausgeht. Beispielsweise können Menschen in dieser Gesellschaft erst durch außerhalb ihres eigenen Hauses getätigte Arbeiten überhaupt Zugriffsmacht auf gesellschaftlichen Reichtum (=Geld) erhalten.

Öffentlichkeit = Wirtschaft = Teilhabe

Diese Bestimmung allerdings wischt die in dieser Sphäre wirkenden Privatinteressen und jede Differenz, wie Menschen – sogar wenn man von ihrer geschlechtlichen Sortierung abstrahiert – im Produktionsprozess vorkommen, vom Tisch. Während des Produzierens herrscht das Privatinteresse des*der Unternehmer*in sein Geld zu vermehren. Seinen*ihren Kalkulationen verdankt es sich, was er*sie mit seinem*ihrem Eigentum und hinter der Bürotür anstellen lässt. Arbeitszeiten, Arbeitsbedienungen, gesundheitliche Zumutungen etc. werden von ihm*ihr vorgegeben. Die Resultate des Arbeitsprozesses gehören ihm*ihr. Für die arbeitende Seite bedeutet es, Geld verdienen und dafür die eigene Arbeitskraft verkaufen zu müssen, während der Arbeit komplett auf private Interessen zu verzichten und sich in den Dienst eines*r anderen zu stellen.

Hier ließe sich vor allem von einer Gegenüberstellung zwischen zwei Privatinteressen sprechen: das Privatinteresse des*der Unternehmer*in an Reichtumsvermehrung und das Interesse des Arbeiter*in nach Lohn verdienen.

Privat = Privatssphäre = der Frau zugeordnet

Wenn mit Privat die eigenen vier Wände gemeint sind, so ist diese zwar der „Frau“ als ihr Tätigkeitsfeld zugeschrieben9, aber ansonsten dem „Mann“ zugeordnet, bzw. soll „sie“ für „ihn“ da sein. Das Private gilt als die Sphäre, in welcher „er“ als Person mit eigenen Interessen vorkommt und sich von „seiner Frau“ bedienen lassen darf. Hier gilt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung: Der „Mann“ schafft das Geld ran, die „Frau“ hat ihm Zuhause den Rücken frei zuhalten und die Kinder groß zuziehen. Wenn „er“ vom Job nach Hause kommt, hat „er“ seinen Beitrag zur Arbeitsteilung geleistet und erwartet nun von „seiner Frau“ den ihren, d.h. sich u.a. um ihn zu kümmern. Dabei ist von Bedeutung, dass Lohnarbeit gesellschaftlich höher bewertet wird und als anstrengender gilt, weswegen sich der „Mann“ quasi durch seine Tätigkeit ein (eingebildetes) Recht10 sowohl auf Reproduktion als auch Kompensation (Kneipe, Sex, offenes Ohr, Hobbys nachgehen…)11 verdient hat, die „Frau“ aber eigentlich einen 24-Stundendienst zu schieben hat. Die „Frau“ kommt im Privaten also auch nicht als Person mit eigenen Interessen vor, sondern hat völlig in Dienstbarkeit aufzugehen. Und dieses eingebildete Recht, „die Frau hat für den Mann da zu sein“, wird von vielen Männern nicht nur von der „eigenen Frau“ eingefordert, sondern an die „Frau an sich“ gestellt: was zu Phänomenen wie Hinter-Her-Pfeifen und allen anderen Formen alltäglichen Sexismus führen kann.

Mit der Feststellung, dass das Private der „Frau“ zugeschrieben wird, ist also wenig ausgesagt, da es doch eher der Untersuchung bedarf, in welchem Verhältnis und warum die beiden Geschlechter in dieser Sphäre ausgerechnet so zueinander stehen.

Politik und Wirtschaft sind dem Mann zugeordnet“/ Ausschluss der Frauen aus der Politik

Sogenannte Männer sind vor allem in der Politik als Funktionsträger aktiv. Dieses Phänomen führt Scholz ebenfalls als einen Beleg für ihre Abspaltungsthese an. Eine andere Begründung, als dass es so ist, weil es den Zuschreibungen gemäß ist, lässt sich bei Scholz nicht finden. Somit begründet sie die Verbannung der „Frauen“ aus der Politik lediglich mit einer Zuschreibung über das Weibliche: Frauen sind schwache, hysterische Wesen, also seien sie ungeeignet für die Politik. Denn dort seien Durchsetzungsfähigkeit und Aushalten von Widerständen und –sachern verlangt. Dies ist jedoch nur die eine Seite. Schließlich gibt es die reale Funktion der „Frau“ als Reproduktionsgehilfin und Mutter bzw. der Anspruch an sie, diese Rolle zu erfüllen. Auch auf Grundlage dieser ihr angedachten ökonomischen Funktion entwickelte sich als Urteil, eine Frau könne gar keinen „übergeordneten“ Standpunkt (Was ist gut für das Land?) einnehmen und sei deswegen für die Politik ungeeignet. Dieses Urteil ist auf keinen Fall notwendige Folge, aber es hat seine Grundlage – nicht seinen Grund (siehe F8)– in der angedachten ökonomischen Funktion.12 Heutzutage führt die vermehrte und vor allem offiziell anerkannte und erwünschte Geschäftstätigkeit von Frauen zu verstärkter Präsenz von Frauen in der Politik. Langsam verändert sich in diesem Zuge auch das Frauenbild: Frauen können auch durchsetzungsfähig sein etc. Gleichzeitig gilt der alte Anspruch (Mutter&Hausfrau) an sie und damit hegen auch viele noch den Zweifel, ob Frauen wirklich für das harte Arbeitsleben und die Politik geeignet seien.

Auch hier gilt wieder: Nur die inhaltsleere Gegenüberstellung (Frauen=Privatssphäre / Männer=Öffentlichkeit und Politik) erklärt erst mal nichts. Relevant sind die Gründe für den Ausschluss, und hier gilt in erster Linie die Frage: „Was ist gut für die Nation? / Ist es für das Vorankommen der Nation sinnvoll, dass auch Frauen in der Politik sind?“ Dieser (nicht grad menschenfreundliche) Standpunkt kann je nach aktueller Situation unterschiedlich beantwortet werden.

3. Zusammenfassung

Roswitha Scholz‘ These, welche die Reproduktion als Schattenseite des Wertes betrachtet, bestimmt die beiden Spähren lediglich als Gegensätzliche und sich zugleich Bedingende. Damit verpasst sie sowohl eine inhaltliche Bestimmung, als auch den konkreten Zusammenhang zwischen Reproduktion und Produktion in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Dieser ist zwar von Widersprüchen und Abhängigkeit geprägt, geht jedoch nicht in einer Bestimmung als sich ausschließenden, aber bedingenden Dichotomie auf. Die menschliche Reproduktion ist, obwohl bzw. weil es nur die Voraussetzung für die kapitalistische Wirtschaftsweise darstellt, den Ansprüchen der Produktion untergeordnet.

In diesem Sinne führt Scholz nicht an, was es genau für als Frauen Sortierte bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, in welcher alles dem Diktat des Kapitals untergeordnet ist – und wo somit die Reproduktion immer prekär bleibt. Ihre Kritik bezieht sich vor allem auf die Abwertung von allem, was dem „weiblichen Lebenszusammenhang“ zugeordnet wird. In ihren Ausführungen bleibt jedoch unklar, was der Inhalt der Abwertung ist bzw. warum das Abgewertete an manchen Stellen sogar Anerkennung erfährt. So ist es für uns – um ein Beispiel zu nennen – nicht nachvollziehbar, nur über eine gesellschaftliche Abwertung von „Empathie“ und „Mutterschaft“ in der bürgerlichen Gesellschaft zu sprechen. Denn während beides in der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt einem tatsächlich nur Nachteile beschert, erfährt es zugleich gesellschaftlich durchaus Anerkennung(Mutterschaft wird sogar staatlich gefördert.)

Auch lässt Roswitha Scholz, indem sie in Bezug auf geschlechtsspezifische Attribute lediglich feststellt, dass die beiden Geschlechtscharaktere gegensätzlich seien, eine Kritik an den Inhalten binärer Geschlechtszuschreibungen, die auch nur „Frau“ und „Mann“ existieren lassen, fehlen. Bei diesen handelt es sich um Ansprüche an die Menschen, damit sie ihren Funktionen als Konkurrenzsubjekt, StaatsbürgerIn und Reproduktionsgehilfin gerecht werden können. Härte, Durchhaltevermögen und Selbstzurücknahme als dauerhaft zugelegte Charaktereigenschaften sollten als solche kritisiert werden. Und damit einhergehend eine Gesellschaft, die den Menschen diese abverlangt und in der viele Leute nichts normaler finden, als diese Ansprüche wie die natürlichste Sache der Welt als Eigenschaften an sich auszubilden und diese zugleich von ihren Mitmenschen einzufordern.

Endoten

1Wir beziehen uns dabei auf das Buch von Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus, Bonn 2000 und ihre Thesen, die sie unter dem Titel „Wert und Geschlechterverhältnis“ auf der Exit-Plattform (http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=21&posnr=37&backtext1=text1.php) veröffentlicht hat.


2
Wir würden uns über die Kritik und Anmerkungen von Leser_innen freuen: kontraduktiv@riseup.net.


3
Nach dem Motto: Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist das bestimmende Prinzip dieser Gesellschaft. Das Geschlechterverhältnis ist diesem nur untergeordnet, daraus ableitbar, verschwindet mit dessen Abschaffung und ist somit – im aller schlimmsten Fall – keiner besonderen Auseinandersetzung wert.


4
Wir beziehen uns hier, weil Scholz sich auch erst mal auf sie konzentriert, nur auf die klassischen Geschlechterrollen.


5
unter Rücksichtnahme auf den gewünschten Gebrauchswert


6
Hier wird sich vor allem auf den „Mann“ als Arbeiter, nicht als Unternehmer bezogen. Für den Unternehmer gilt auch, Durchsetzungsfähigkeit und Härte an den Tag zu legen, aber nicht so sehr für die Funktion des Aushaltens, sondern mehr für die des Kommandieren und Leiten können.


7
Was auch wieder auf die jeweilige Arbeit ankommt: Bei bestimmten Tätigkeiten braucht es Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl etc.


8
Grundlage soll heißen, dass sich daraus das Geschlechterverhältnis speist, bzw. sich darauf bezieht. Es soll hier nicht gesagt werden, dass es der Grund für das Geschlechterverhältnis (inklusive all seiner spezifischen Ausformungen) ist, im Sinne von „zwangsläufig genau so und nicht anders“.


9
Wobei es auch hier Einschränkungen gibt: Für ganz bestimmte Bereiche, bspw. handwerkliche Tätigkeiten, das Auto in Schuss halten etc., ist der Mann zuständig.


10
Das eingebildete Recht hat seine Grundlage im tatsächlichen Recht:“Ist einem Ehegatten die Haushaltsführung überlassen, so erfüllt er seine Verpflichtung, durch Arbeit zum Unterhalt der Familie beizutragen, in der Regel durch die Führung des Haushalts.“ BGB § 1360 (Verpflichtung zum Familienunterhalt)


11
Unter Reproduktion sollen hier die Tätigkeiten verstanden werden, die unmittelbar funktional für die Wiederherstellung des Lohnarbeiters sind (Nahrung aufnehmen, saubere Klamotten vorfinden etc.), unter Kompensation das, was –in dessen Einbildung – eine Gegenleistung/ideeller Lohn für seine Arbeit ist (Sex, betüdelt werden, offenes Ohr finden, fernsehen). Dabei vernachlässigen wir die Bedeutung der generationellen Reproduktion.


12
Selbst wenn Frauen durchaus arbeiteten, existierte die bürgerlich-sittliche Vorstellung, dass diese qua ihres Wesens weder für die Arbeit noch für Politik zu gebrauchen wären. (In Bezug auf die Politik galt das zunächst als bürgerlicher Standpunkt gegenüber der gesamten Arbeiterklasse.)

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